Der Steppenwolf 2.0

Carina Hurst aus der KS1 hat Harry Hallers Lebensversuche fortgesetzt. Für alle, die die Lektüre kennen: die Handlung setzt mit dem Ende des Romans ein. 

Für alle, die die Lektüre nicht kennen: Genießt Carinas Text einfach beim Lesen. 

 

 

 

Fortsetzung des Steppenwolfes

 

 

 

„Harry?“, fragten Pablo und Hermine im Chor, als ich langsam aber sicher wieder zu mir kam. Noch zogen sich helle Schlieren durch mein Sichtfeld und ich blinzelte dreimal kräftig, bis sich meine Sicht wieder verschärfte und sich meine Augen an die Helligkeit der mir von Pablo ins Gesicht gehaltenen Laterne gewöhnten. Ich musste verwirrt dreingeblickt haben, da mich meine Freunde argwöhnisch musterten. Schließlich sah ich mich wieder in der Lage, einen vernünftigen Satz auszusprechen. Ohne auf die beiden zu achten, lief ich ein paar Schritte umher, sammelte meine übrig gebliebenen Gedankenfetzen und antwortete mit nuschelnder Stimme, dass es mir gut ginge. „Wo ist das magische Theater?“, fragte ich nachdem ich mich eine kurze Weile mit dem üblichen Smalltalk „Wie geht es euch?“ an die zwei Menschen an meiner Seite gewandt hatte. Das magische Theater war der Ort, an dem ich zuletzt gewesen war und obwohl mich eine Heiterkeit und Leichtigkeit durchströmte, schlichen sich doch allmählich leise Zweifel in meine Gedanken. Ich war mir zwar sicher, dass ich im magischen Theater gewesen war, aber es stellte sich mir die Frage, wie lange ich hier schon benommen herumstand wie ein alter, verwirrter Mann nach einer durchgezechten Nacht. „Das magische Theater?“, wollte ich erneut wissen und erntete nur ein müdes Lächeln auf Seiten Hermines. „Oh Harry“, sprach sie mit der mütterlichen Stimme, die mir so vertraut war und dennoch gleichzeitig ein neues Verlangen in mir auslöste. „Wir dachten schon, du hättest den Besuch dort nicht verkraftet“. Auch Pablo richtete sein Wort nun an mich: „Du warst noch ganz schön lange weg und da hatte ich gedacht, dass…“. „Schluss damit!“, rief ich aus. Ich war selbst überrascht von der Heftigkeit, mit der ich meiner Ungeduld Ausdruck verlieh. Ich blickte beiden fest in die Augen. Mein Blick wanderte ruhelos zwischen Hermine und Pablo hin und her. Sie beide waren mir in letzter Zeit zu wahren Freunden geworden, doch mein gehetzter Blick verhieß nichts Gutes. Das wussten sie und nach einem kurzen Blickwechsel ihrerseits begann Pablo: „Brauchst du noch etwas zum Entspannen? Ich hätte da noch etwas in meiner Tasche…“ Er kramte in seiner Hosentasche und hielt mir dann eine Packung heller Pillen vor die Augen. Mit einer noch nie gekannten Wucht schlug ich sie ihm aus der Hand. „Ich will deine Pillen nicht. Ich will das magische Theater. Wo ist es hin? Ich muss dorthin zurück. Ich muss das Spiel noch einmal spielen. Wo-ist-es?“ Als ich geendet hatte, fielen mir ihre geschockten Blicke auf. Was hatte ich nochmal gesagt? Es war still geworden um uns herum. Wieso antwortete denn niemand? Diese Unruhe, die mich so urplötzlich trieb und solch ungeahnte Sucht nach einer erneuten Chance im magischen Theater, brachten mich fast um den Verstand. Leise flüsterte Pablo Hermine etwas zu, doch nicht leise genug, denn ich verstand jedes noch so kleine Wort davon, was mich nur noch umso wütender machte. „Sind wohl die Nachwirkungen der Drogen, der gute Harry ist ja auch nicht mehr der Jüngste“, hatte Pablo gesagt. Hermine senkte kurz den Blick und hielt einen Moment inne, als sie mich mit ihren alles durchdringenden Augen ins Visier nahm. Sie wusste es, sie kannte alles. Die ganze Wahrheit über mich. Mich, den Steppenwolf Harry. Mich, den Tänzer Harry. Mich, den aus unendlich vielen Seelenstücken bestehenden Harry. Die Schachfiguren, den Spiegel. Hermine sah alles und genau dieses Wissen, dieses allumfassende Wissen, das sie hatte, machte es umso schwieriger, das, was sie da sagte zu verkraften. „Harry“, sagte sie und so viel Verständnis lag in ihrem Blick, dass es fast unerträglich wurde, ihr in das so besondere Gesicht zu schauen. „Du weißt es doch bereits. Das magische Theater existiert nicht. Es ist kein realer Ort, mein kleiner Harry. Es lebt in dir drinnen. Du musst es nur betreten.“ Diese augenscheinlich für sie einfache Schlussfolgerung riss mich aus meiner Erstarrung. „Nein…“. Dieses Wort, das so kraftlos aus meinem Mund kam, zeigte mir, wie schlimm es noch immer um mich stand. Ich wusste es, seit ich wieder den ersten klaren Gedanken hatte fassen können. Es war nicht real gewesen. Hatte es niemals sein können und hätte es niemals werden können. Ich fühlte mich so schwach und desillusioniert wie noch nie in meinem ganzen Leben. Ich war verloren, endgültig. „Harry“, sprach Hermine: „Was schaust du denn so unglücklich? Verstehst du denn nicht? Du hast es geschafft, hast den ersten Schritt zu dir selbst gemacht. Du hast ihn in deinem magischen Theater gelernt, nicht wahr? Den Humor?“ Da durchzuckten mich schmerzhafte Blitze. Sie hatte recht! Ich erinnerte mich nun nicht nur an die Dinge, die in meinem Kopf geschehen waren, sondern auch an die Emotionen, die ich gefühlt hatte. Hermine hatte recht. Ich hatte den Anfang getan, hatte von mir selbst eine zweite Chance erhalten, mein Leben zu leben. Den Humor hatte ich noch nicht komplett gelernt oder gar verstanden, aber ich fühlte es nun. Die Euphorie, die ich am Ende des magischen Theaters empfunden hatte, kehrte zu mir zurück, doch der Wahn blieb aus. Ich hatte alle Zeit der Welt, sogar die Unsterblichkeit, um mich zu entdecken. Den Humor würde ich wohl nie gänzlich verstehen, konnte ihn mir aber sehr wohl zunutze machen in diesem irdischen Leben. Harry Haller wurde gerade erst geboren. Ich ließ in diesem Augenblick die Ketten hinter mir, die mich so lange an den Steppenwolf gebunden hatten. Ich kehrte ihm den Rücken zu und würde wohl niemals wieder zurück zu ihm kommen. Ich lächelte und zum ersten Mal war ich wirklich frei. Das Leben wartete auf mich.